© Das Ostpreußenblatt / Landsmannschaft Ostpreußen e.V. / 17. März 2001


Der ostpreußische Humboldt
Zum 50. Todestag: Eine Erinnerung an Friedrich Hoffmann, den Kurator der Albertus Universität
(Christian Tilitzki)

Der Name des Mannes, der am 7. März 1951, vor fünfzig Jahren also, in Lugano starb, schien an seiner Wirkungsstätte, der Universität Königsberg, ganz hinter seinem Amt zu verschwinden. So sehr war der Verwaltungsjurist Friedrich Hoffmann im Bewußtsein "führender Kreise" schlicht "der Kurator". Diese Identifizierung des Menschen mit seiner beruflichen Funktion ist nur ein erstes Indiz für die historische Bedeutung dieses Mannes, die für das letzte Vierteljahrhundert der deutschen, von der Königsberger Albertus Universität entscheidend mitgeprägten Geistes- und Bildungsgeschichte Ostpreußens schwerlich zu überschätzen ist.

Wollte man heute, wo die Wissenschafts- und Hochschulpolitik in der Weimarer Republik noch lange nicht befriedigend erforscht ist, den Versuch riskieren, Hoffmanns Rang zu bestimmen, müßte man ihn an seinem langjährigen Vorgesetzten, dem preußischen Kultusminister Carl Heinrich Becker (1876–1933), messen. Beckers Leistung bestand darin, das preußische Hochschulsystem unter schwierigsten politisch-ökonomischen Verhältnissen so organisiert zu haben, daß die zu wilhelminischer Zeit errungene internationale Spitzenstellung auf vielen Forschungsfeldern behauptet und ausgebaut werden konnte. Deswegen hat man ihn nicht selten mit Wilhelm von Humboldt verglichen, dem Bildungsreformer, der unter ähnlich schwierigen Bedingungen, nach dem militärischen Zusammenbruch von 1806, die kulturpolitischen Weichen letztlich auch für Preußens machtpolitischen Wiederaufstieg gestellt hatte. Wenn man sich also angewöhnt, in Becker einen zweiten Humboldt zu sehen, müßte man Friedrich Hoffmann den Humboldt Ostpreußens nennen.

Doch im krassen Gegensatz zu dieser zentralen kulturpolitischen Bedeutung stehen die kargen Auskünfte, die zu Hoffmanns Biographie, zu ihren geistig-weltanschaulichen Prägungen, politischen Dispositionen wie zu den Details der Amtsführung bis heute verfügbar sind. Kaum mehr als die nüchterne Abfolge der Lebensstationen ist erkennbar.

Geboren wurde Friedrich Hoffmann am 19. Januar 1875 im schlesischen Goldberg, aufgewachsen ist er in Görlitz in einer begüterten Kaufmannsfamilie. Nach dem Abitur am dortigen humanistischen Gymnasium schien alles auf eine unspektakuläre Beamtenexistenz zuzulaufen. Nach juristischem Studium in Heidelberg, Breslau und Berlin, der mit dem Reserveleutnantspatent beendeten militärischen Ausbildung als Artillerist in Frankfurt/Oder und den Staatsexamina trat Hoffmann zunächst als Gerichtsassessor in den Justiz-, dann 1906 als Regierungsassessor in den höheren Verwaltungsdienst mit verschiedenen Verwendungen bei den Regierungspräsidenten in Posen, Bromberg und Schneidemühl ein. Erst den fast 50jährigen Oberregierungsrat erreichte im Herbst 1922 das Angebot, als Verwaltungschef die Verantwortung für die Geschicke der Königsberger Albertina zu übernehmen. Von der sozialliberalen Regierung des preußischen Ministerpräsidenten Otto Braun berufen, blieb Hoffmann unter der kommissarischen Regierung von Papens wie unter der NS-Ägide des preußischen und Reichserziehungsministers Bernhard Rust auf seinem Posten – sogar über den Ablauf der regulären Dienstzeit hinaus bis zum bitteren Ende, als er sich mit seiner Frau kurz nach dem noch in Königsberg gefeierten 70. Geburtstag Ende Januar 1945 aufmacht, um über die Ostsee nach Westen zu fliehen. Wollte man die aufopferungsvolle Arbeit in der in Göttingen eingerichteten Meldestelle für die Angehörigen der Albertina (siehe Ostpreußenblatt Folge 38 bis 41/1999) noch großzügig als bundesrepublikanischen Epilog seiner Beamtenlaufbahn ansehen, dann hätte also auch Friedrich Hoffmann dem Beispiel eines Kollegen folgen und eine Autobiographie unter dem Titel "Als Jurist in vier Reichen" schreiben können.

Aus heutiger Sicht nimmt man an solcher Kontinuität Anstoß. Denn nicht selten heißt es, daß sich in so bruchlosen Lebensläufen die politisch-moralische Indolenz jener bürgerlichen "Funktionselite" offenbare, die eine ritualisierte Bewältigungsrhetorik gern hauptverantwortlich macht für einen ahistorischen konstruierten "Irrweg" der deutschen Nation.

Die Biographie Hoffmanns ließe sich gewiß so selektiv arrangieren, daß man derart volkspädagogische Retroperspektiven damit illustrieren könnte. Etwas ganz anderes versuchte Carl Jantke, der geistesgeschichtlich geschulte Hamburger Nationalökonom und Sozialhistoriker, der zwischen 1934 und 1945 an der Albertina lehrte. Jantke war seit Mitte der siebziger Jahre bestrebt, Mosaiksteine zu einem Porträt des Kurators zusammenzufügen. Vor allem in die fast ganz im Dunkeln liegenden ersten vier Lebensjahrzehnte gestatten Jantkes Notizen Einblicke, die nicht nur für die individuelle Biographie eines hohen preußischen Beamten von Belang sind, sondern einmal mehr zur Korrektur gängiger Schablonen des "preußischen Typus" taugen.

Nahezu alles, was Jantke über Hoffmanns Eltern, die Schul- und Studienzeit in Erfahrung bringen konnte, widerspricht den arg strapazierten Klischees vom Untertanengeist, die man heute mit preußischer Erziehung gern assoziiert. Hoffmann wuchs in einem Elternhaus auf, das von bürgerlichem Unabhängigkeitsgefühl geprägt war. Die kritiklos akzeptierte Entscheidung, Jurist zu werden und nicht die väterliche Tuchfabrik zu übernehmen, lasse, so vermutet Jantke, auf eine große Liberalität im Görlitzer Patrizierhaus schließen. Gegenüber den eigenen vier Kindern habe Friedrich Hoffmann sich ähnlich verhalten und keinen patriarchalischen Gehorsamsanspruch erhoben. Die am Görlitzer Gymnasium vermittelte klassisch-humanistische Bildung bewahrte den Jurastudenten vom ersten Semester an vor den standestypischen Deformationen. In Heidelberg hörte er philosophische Vorlesungen bei Kuno Fischer, in Berlin faszinieren 1894/95 die letzten akademischen Auftritte Heinrich von Treitschkes. Reisen nach Westeuropa und in die USA fielen horizonterweiternd in diese Lehr- und Wanderjahre.

Nicht abwegig scheint Jantkes Anregung, einmal zu eruieren, ob Hoffmann nicht auch von Max Webers frühen sozialpolitischen Reflexionen über die Landarbeiterfrage in Ostelbien in seiner Wahl beeinflußt wurde, sich gerade in den preußischen Ostprovinzen ein Betätigungsfeld zu suchen. Sein "Schlesiertum" war dafür nicht ausgeprägt genug. Er war vielmehr "Ostdeutscher" im Sinne einer bewußten Entscheidung, aus der Besinnung auf die preußische Staatstradition und Geschichte, aber auch mit Blick auf die von Weber thematisierte aktuelle agrar- und bevölkerungspolitische Problematik des Ostens. Die eher schwache landsmannschaftliche Prägung, so Carl Jantke, dokumentierte sich nicht nur in der Verhaltenheit seines Temperaments, sondern auch in der von allen Dialektelementen freien Art des Sprechens, auf die Hoffmann ebenso entschieden Wert legte wie auf die Art seiner vom schrecklichen "Amtsdeutsch" gereinigten Form schriftlicher Mitteilung, die auf eine innere Nähe zu den großen Prosaisten und Stilisten, vor allem zum geliebten Theodor Fontane schließen lasse. Überhaupt steckte viel 19. Jahrhundert in ihm, worauf der biedermeierliche Cut hinweist, in dem sich der Kurator noch 1944 ablichten ließ, und auch die reizende Anekdote, die überlieferte, wie er in der Großstadt Berlin vor Überquerung der Fahrbahn lange zögerte: "Dann plötzlich murmelte er ,Mit Gott!‘ vor sich hin und stürzte sich buchstäblich in den Verkehr."

Früh schien die väterliche Liberalität sich auch im Amtsverständnis des Verwaltungsjuristen auszuwirken. Was man oft abschätzig "Beamtenkorrektheit" nenne, habe sich bei Hoffmann nach Jantkes Urteil als wohl kalkuliertes, kunstvoll gehandhabtes höchst effizientes System "unabhängigen amtlichen Existierens" entpuppt, das wechselnden Einflüssen politischer Art recht unzugänglich gewesen sei. Über dessen ethische Implikationen ist noch wenig bekannt; aber für deren stark protestantisch-religiöse Fundierung gibt es wenigstens manche Hinweise.

Hier dürften auch jene Reserven zu finden sein, die Hoffmanns Verhältnis zum Nationalsozialismus bestimmten. Fast höhnisch quittierte er im Juni 1941 den "Wunsch des Führers", einen ostpolitisch versierten Parteifunktionär zum Kurator zu machen: "Was den ,Ostpolitiker‘ anbelangt, so bin ich das seit 35 Jahren." Eine Reaktion, die passend anschließt an jene Klage von Parteiaktivisten während der "NS-Hochschulrevolution", wonach der Kurator zusammen mit dem Historiker Hans Rothfels an der Spitze der "unterirdischen Gegner" des neuen Regimes alternative Hochschulpolitik betreibe.

Was nicht bedeuten muß, daß weltanschauliche Affinitäten fehlten. Der stets parteilose Hoffmann sympathisierte Anfang der zwanziger Jahre mit den Deutschnationalen, bewegte sich während des Kapp-Putsches in Schneidemühl am Rande der Loyalität zur demokratisch legitimierten Berliner Regierung. Die den Osten des Reiches betreffenden Resultate des Versailler Diktats waren für ihn überdies so unerträglich wie die düstere Aussicht, die Deutschen könnten als Volk und Nation ihre machtpolitische Rolle ausgespielt und damit ihre Fähigkeit zu selbstbestimmter Existenz eingebüßt haben. Aber diese Einstellung teilte er nicht nur mit Adolf Hitler und seiner "Bewegung". Ein "Ost-Locarno" im Verhältnis zu Polen kam bekanntlich nicht einmal für die Weimarer KPD in Frage. Deswegen trug der liberale Demokrat Carl Heinz Becker auch keine Bedenken, seinem Bundesbruder aus der Heidelberger Rupertia die exponierte Königsberger Position zu überantworten. Auch weil er gewiß sein durfte, einen dem Ministerium gegenüber unbedingt loyalen Mann gefunden zu haben, nachdem Hoffmanns monarchistischer Vorgänger seine offen demonstrierten Kapp-Sympathien mit seiner Suspendierung bezahlt hatte.

Friedrich Hoffmann hat Beckers Vertrauen nicht enttäuscht. Die bis 1918 arg vernachlässigte Königsberger Universität, ab 1920 als Teil der "Insel Ostpreußen" zusätzlich mit schwerwiegenden Standortnachteilen belastet, entwickelte sich nach seinem Amtsantritt im Zusammenspiel zwischen ihm, engagierten Professoren und der Berliner Kultusverwaltung in einer Weise, die selbst die beiden "Blüteperioden" zu Kants Zeiten und während der "goldenen" naturwissenschaftlichen  Jahrzehnte nach 1825 in den Schatten stellte. Dabei entpuppte sich Hoffmann, das Kind des 19. Jahrhunderts, als dezidierter Modernisierer. Das kennzeichnet seine Strategie bei der personellen wie bei der sachlich-institutionellen Reorganisation der ostpreußischen Grenzlanduniversität. An ihren ins Baltikum, in die Sowjetunion und nach Skandinavien ausgreifenden kulturpolitischen Aktivitäten hatte der Kurator neben Gelehrten wie Hans Rothfels, Friedrich Baethgen, Josef Nadler, Walther Ziesemer oder Alfred E. Mitscherlich hervorragenden Anteil. Hoffmann war auf seinem Weg, die Abertina zum "geistigen Strahlzentrum des Ostens" auszubauen, weit vorangeschritten und hatte sich zuletzt von schmerzlichen Etatkürzungen infolge der Weltwirtschaftskrise zwar bremsen, aber nicht aufhalten lassen.

Die NS-Machtübernahme sah er anfangs als Chance, diesen Ausbau zu forcieren und dem kulturpolitischen Selbstbehauptungskampf der Ostpreußen wie der deutschen Minderheiten in Osteuropa verstärkten Rückhalt und neue Impulse zu geben. Daß die NS-Führung dann sukzessive auf Gegenkurs zu der von Hoffmann favorisierten, in  der  preußisch-föderalistischen Tradition verwurzelten auswärtigen Kulturpolitik "seiner" Albertina ging, hat den Gestaltungsspielraum des Kurators seit 1935 sichtlich eingeengt. Die unter seiner maßgeblichen Beteiligung errungene ostpolitische Bedeutung der Universität ging bis Kriegsausbruch langsam verloren, so daß Friedrich Hoffmann – ausweislich einiger berufungspolitischer Entscheidungen – auf seinem Posten nur noch das nach 1945 oft beschworene "Schlimmste" verhindern konnte: die Zusammensetzung der Dozentenschaft der Albertina allein nach parteipolitischen Vorgaben. Gemessen an alten Idealen war das vielleicht nicht mehr viel. Bedenkt man jedoch die Handlungsmöglichkeiten des Kurators, kann man sicher von der "Rettung der Bestände" insbesondere nach 1939 sprechen, die sich ein Mann als Verdienst anrechnen darf, für den es nach eigenen – wieder ins 19. Jahrhundert weisenden – Worten "Unehre" bedeutet hätte, "mitten im Krieg fortgeschickt zu werden".