© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 01-10 vom 09. Januar 2010

Ein Kunstwerk mit bewegter Geschichte
Nach 60 Jahren ist der Neustädter Flügelaltar erstmals wieder vollständig zu sehen

Ein Leben ohne Heilige war für den religiösen mittelalterlichen Menschen undenkbar; die Heiligen wurden von den Gläubigen bei wichtigen Ereignissen um Hilfe gebeten, dienten aber auch als Fürsprecher bei Gott. Ihre Abbilder hatten daher einen festen Platz in der mittelalterlichen Kirche, wo sie dem leseunkundigen Gläubigen Legenden und Glaubenswahrheiten vermittelten. Heute haben viele einen Platz im Museum gefunden.

Die Krönung Marias durch Christus, flankiert von Aposteln und Heiligen, ist das zentrale Thema eines der größten und kunsthistorisch bedeutendsten mittelalterlichen Schnitzaltäre Norddeutschlands. Erst kürzlich hielt der so genannte Neustädter Altar nach umfassender Renovierung Einzug ins Museum von Schloss Güstrow. Seitdem ist seine großartige Feiertagsseite wieder in ihren ursprünglichen Dimensionen von 7,60 Metern Breite und 2,47 Metern Höhe zu bewundern.

Unübersehbar sind dabei jedoch die Spuren, welche die Jahrhunderte an dem einstigen Doppelflügel-Hochaltar aus der Jakobikirche in Lübeck hinterlassen haben. Nicht nur religiöse und politische Wirren haben ihm stark zugesetzt und unwiederbringliche Verluste gebracht, auch Restaurierungen fügten dem Kunstwerk irreversible Schäden zu. Mit der Einführung der Reformation in Lübeck 1530 hatte der prächtige, farbig in Gold gefasste Schnitzaltar seine liturgische Funktion verloren, verblieb aber, später teilweise zerlegt, in der Jakobikirche. 1736 verschenkte man ihn nach Neustadt-Glewe, wo er den bei einem Brand zerstörten Altar der dortigen Stadtkirche ersetzen sollte.

Nur 24 Jahre lang stand der eigentlich zu große Lübecker Altar im Chor des Gotteshauses. In eine Materialkammer verbannt, stolperte erst 1840 der Schweriner Archivrat Lisch buchstäblich über ihn und sorgte für seine Überweisung in die Großherzogliche Altertümersammlung. Bereits damals fehlten zehn der ge-schnitzten Halbfiguren und das zweite Flügelpaar mit der Inschrift des Vollendungsdatums 1435. Doch auch die verbliebenen Figuren und der Altarschrein hatten arg gelitten.

Großherzog Paul Friedrich von Mecklenburg-Schwerin ließ den Altar erstmals restaurieren. In den 1870er und 1880er Jahren wurde das Meisterwerk in einem radikalen Eingriff abgelaugt und neu gefasst, um in dem 1882 eröffneten Großherzoglichen Museum zu Schwerin präsentiert werden zu können. Vor 1922 allerdings entfernte man diese neue Farbgebung wieder und ließ die Skulpturen seitdem holzsichtig. Dennoch, an einigen der Halbfiguren sind noch immer ursprüngliche Farbreste zu finden. Nur die heilige Katharina lässt die hohe künstlerische Qualität der ursprünglichen Fassung erkennen.

An Sonntagen versteckte sich das Schnitzwerk hinter den zugeklappten Flügeln. Ihre bemalten Außenseiten führten den Kirchbesuchern dann Szenen aus dem Marienleben und der Passion Christi vor Augen.

Diese Tafeln hatte man zu Beginn des 20. Jahrhunderts vom Altar getrennt, um sie als Gemälde auszustellen. Die jetzige Restaurierung hat diese Zergliederung absichtlich nicht rückgängig gemacht.

Von 1938 bis 1946 befand sich der Altar im Schweriner Schloss. Bei dessen von der sowjetischen Militäradministration befohlenen eiligen Räumung nahm man den Altarkasten auseinander und verwahrte ihn seitdem im Depot des Museums.

Erst 2005 wurde in einem ersten Restaurierungsschritt der Mittelschrein des Altars wieder zusammengefügt und dessen rechte Hälfte restauriert. 2009 folgten die beiden Flügel und die Konservierung der linken Schreinhälfte. Damit ist der Flügelaltar nach mehr als 60 Jahren jetzt erstmals wieder zusam-menhängend zu bewundern.

Die Künstler des Altars sind nicht bekannt. Es ist jedoch sicher, dass er in einer der führenden Werkstätten Lübecks entstand. Künstlersignaturen waren in den Jahrzehnten nach 1400 noch selten. Man arbeitete zur Ehre Gottes und zum Gedächtnis derer, die solche Altarwerke errichten ließen und finanzierten.

Seine „Auferstehung“ verdankt der Neustädter Altar der Ostdeutschen Sparkassenstiftung, einem der – wenn nicht dem – größten nicht-staatlichen Kulturförderer in Deutschland. Seit seiner Errichtung im Jahr 1995 hat dieses Gemeinschaftswerk aller Sparkassen Sachsens, Brandenburgs, Mecklenburg-Vorpommerns und Sachsen-Anhalts zusammen mit den Sparkassen vor Ort mehr als 1312 Projekte mit insgesamt über 40 Millionen Euro unterstützt. Davon wurden allein im Land Mecklenburg-Vorpommern für 205 Projekte über sechs Millionen Euro bereitgestellt. Helga Schnehagen

Foto: Der Neustädter Altar im Museum von Schloss Güstrow: Dem ursprünglichen Doppelflügel-Hochaltar haben nicht nur religiöse und politische Wirren zugesetzt, auch „gut gemeinte“ Restaurierungen hinterließen ihre Spuren.


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