© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 46-10 vom 20. November 2010

Ein patriotischer Kaufmann
Johann Ernst Gotzkowsky begründete die spätere Königliche Porzellan-Manufaktur

„Mémoires d’un négociant patriote“ hat Johann Ernst Gotzkowsky seine erstmals 1768 in Berlin erschienene Autobiographie betitelt. Und das war er auch: ein patriotischer Kaufmann.

Der am 21. November 1710 in Conitz geborene Westpreuße verlor mit fünf Jahren beide Eltern und wurde von Verwandten aufgezogen. 1724 bis 1730 arbeitete er als Lehrling in einem Berliner Krämerladen. Als sein Bruder, bei dem er in Berlin lebte, einen Handel mit Galanteriewaren eröffnete, machte sich Gotzkowsky bald durch umsichtige Einkäufe unentbehrlich. Nach der Thronbesteigung Friedrichs des Großen am 31. Mai 1740 wurde Gotzkowsky bei der Anwerbung auswärtiger Gewerbetreibender tätig. Nach der Heirat mit der Tochter des reichen Hoflieferanten Blume leitete er ab 1743 die Samtmanufaktur seines kurz zuvor verstorbenen Schwiegervaters. 1753 übernahm er noch eine bereits existierende, aber wenig florierende Seidenstoffmanufaktur in der Friedrichstadt. Bald beschäftigte er in seinen Fabriken 1500 Arbeiter an 250 Stühlen und machte 100000 Reichsthaler Umsatz, was etwa einer Million Euro entspricht.

Wegen seiner ständigen Auslandsaufenthalte wurde er für König Friedrich auch zum Kunst­agenten. Selbst als im Siebenjährigen Krieg (1756–1763) die Geschäfte durch die wirtschaftlichen Unwägbarkeiten schlechter gingen, blieb Gotzkowsky ungeschoren, denn er kam nicht nur mit der Porzellanmanufaktur in Meißen in Kontakt, sondern auch mit dem Intendanten der Dresdener Kunstsammlungen, Karl Heinrich von Heineken. Neben seinen sonstigen kaufmännischen Aktivitäten wurde Gotzkowsky Leiter der Berliner Porzellanmanufaktur und vermittelte noch während des Krieges zahlreiche ausrangierte Gemälde aus der Sammlung der sächsischen Kurfürsten an den Preußenkönig. Er sammelte aber auch für sich selbst und besaß bald einen Fundus von 600 Gemälden des römischen Barock, des venezianischen Seicento und niederländischer Malerei.

Nach der Schlacht bei Zorndorf vom 25. August 1758 nahm Gotzkowsky zahlreiche gefangene russische Offiziere freundlich bei sich auf. Das half ihm zwei Jahre später, denn als russische und österreichische Truppen unter den Generalen Gottlob Heinrich von Totleben und Graf Sachar Tschernischew gemeinsam mit einem österreichischen Kontingent unter Franz Moritz Graf Lacy vom 9. bis 12. Ok­to­ber 1760 Berlin besetzten, verstand es Gotzkowsky durch geschicktes Verhandeln, die maßlosen Kontributions-Forderungen auf eine erträgliche Summe zu senken. Außerdem steuerte er aus eigenem Vermögen einen hohen Betrag in bar und erhebliche Bestechungsgelder bei, mit denen es gelang, die schlimmsten Schäden von der Hauptstadt abzuwenden. Später konnte er eine Prolongation der ausgestellten Wechsel erreichen. Im November 1760 suchte Gotzkowsky den König in Leipzig auf und erreichte eine Minderung der Forderungen, die Friedrich der Stadt auferlegen wollte. Außerdem veranlasste Gotzkowsky, dass König Friedrich, der die von den Russen den Berlinern abgepressten Wechsel erst gar nicht einlösen lassen wollte, diese dann sogar heimlich selbst beglich. Der Kaufmann hatte den König davon überzeugen können, dass der gesamte Osthandel Preußens auf dem Spiel stand, wenn die Wechsel platzen sollten.

Unmittelbar nach Kriegsende gerieten seine Geschäfte in eine Krise, und der König kaufte ihm die Porzellanfabrik für 250000 Reichsthaler ab, was etwa zweieinhalb Millionen Euro entsprach. Einen großen Teil seiner Privatsammlung, nämlich 317 Gemälde, verlor er im Jahre 1764 durch gewagte Spekulationen im russischen Getreidehandel, denn der König drängte ihn, diese Bilder an die Zarin Katharina II. zu verkaufen, da der König weder wirtschaftliche noch daraus eventuell resultierende diplomatische Verwicklungen in einer Zeit gebrauchen konnte, in der er an einem Bündnis mit Russland arbeitete. Katharina nutzte den Ankauf als Grundstock für ihre Eremitage.

Die verlustreichen Spekulationsgeschäfte führten im Jahre 1766 zu seinem Bankrott. Ein Freund publizierte zwei Jahre später Gotzkowskys Autobiographie „Geschichte eines patriotischen Kaufmanns“. Gotzkowsky starb verarmt am 9. August 1775 in Berlin.       Jürgen Ziechmann


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