© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 51-10 vom 25. Dezember 2010

"Niemand hat eine größere Liebe ..."
Am Tatort erinnert ein Gedenkstein an das Martyrium des Priesters Johannes Guzy

Ähnlich wie in Ostpreußen gab es auch in Schlesien eine Reihe sehr ergreifender Märtyrerschicksale. Auch nachdem die Rote Armee im Zweiten Weltkrieg Deutschlands Grenzen überschritten hatte, blieben viele trotz eindringlicher Warnungen; viele Geistliche wollten ihre Gemeinden nicht im Stich lassen und riskierten lieber den Tod. So auch der Erzpriester Johannes Guzy im niederschlesischen Freystadt, der von russischen Soldaten ermordet wurde, als er Ordensschwestern vor der Vergewaltigung schützen wollte.

Johannes Guzy kam am 24. Mai 1873 in Breslau zur Welt und war nach seiner Priesterweihe ab 1898 in Bolkenhain tätig. Im Jahr 1905 wurde er zum Pfarrer in Freystadt berufen. Diese Diasporagemeinde mit etwa 900 Katholiken umsorgte der Priester 40 Jahre lang. Als die russische Front sich im Februar 1945 der Stadt näherte, erhielt Pfarrer Guzy das Angebot, die Stadt noch rechtzeitig zu verlassen. Doch er lehnte ab, weil ein beträchtlicher Teil seiner Gemeinde sich zum Bleiben entschlossen hatte. Nachdem die Freystädter Nationalsozialisten Hals über Kopf aus der Stadt geflohen waren, hofften die etwa 1300 zurückgebliebenen Bürger - unter ihnen viele politisch links oder bürgerlich Gesinnte - auf eine milde Behandlung durch die Rote Armee.

Doch das sollte sich als folgenschwerer Irrtum erweisen. Schon zwei Tage nach dem russischen Einmarsch am 13. Februar 1945 hatten schätzungsweise 130 bis 140 Menschen, überwiegend Mädchen und Frauen von zehn bis 75 Jahren, ihr Leben lassen müssen. Viele Namen und die genaue Zahl der Opfer sind bis heute nicht bekannt, aber gesichert ist, dass viele der Frauen nach bestialischen Folterungen und Vergewaltigungen getötet wurden. Ganze Familien nahmen sich angesichts der Gräuel das Leben. Erschossen zu werden galt als vergleichsweise gnädiger Tod, der vor allen Dingen vielen Männern widerfuhr, die sich schützend vor ihre Frauen und Mädchen stellten.

Pfarrer Guzy war - im hohen Alter von 72 Jahren - in dieser furchtbaren Zeit Tag und Nacht unterwegs, um Menschen zu trösten, ihnen die Sterbesakramente zu spenden oder sie vor dem Selbstmord zu bewahren. Am Morgen des 16. Februar machte sich der Geistliche auf den Weg in das katholische Krankenhaus am Stadtrand, weil ihn von dort ein Hilferuf erreicht hatte. Ständig drangen marodierende Soldaten in das Krankenhaus ein und verschonten auch die Ordensfrauen nicht. Als sich der Pfarrer vor die Ordensfrauen stellte und den russischen Soldaten Vorhaltungen machte, schossen sie sofort und trafen ihn mehrmals im Gesicht. Dem Tode nahe wünschte Pfarrer Guzy, in sein Pfarrhaus gebracht zu werden, was während seiner kurzen Abwesenheit in unvorstellbarer Weise verwüstet worden war. Schließlich nahm eine befreundete evangelische Familie den Priester bei sich auf.

Unter den Evangelischen des Ortes breitete sich unterdessen Fassungslosigkeit aus. Dass man sogar den katholischen Pfarrer niedergeschossen hatte, der ständig furchtlos gegen die Untaten der Nationalsozialisten von der Kanzel Stellung genommen und sich für Gefangene und Zwangsarbeiter eingesetzt hatte, ließ die Furcht der Menschen weiter ansteigen. Fast gleichzeitig traf die Nachricht ein, dass auch der altlutherische Pfarrer und Superintendent Wichmann erschossen worden war, als er Mädchen und Frauen vor der Vergewaltigung schützen wollte.

Die Lage erschien hoffnungslos, doch langsam zogen die russischen Truppen weiter. Am 21. Februar erlag Pfarrer Guzy schließlich seinen schweren Verletzungen. Sein evangelischer Amtsbruder Pastor Thimm besuchte ihn noch am Sterbebett, eine in diesen Tagen lebensgefährliche Visite. In aller Stille wurde Johannes Guzy auf dem Friedhof begraben und sein Sterbetag von den Besatzern auf 1944 gefälscht.

Über 50 Jahre später entstand in Freystadt die Initiative zu einem Gedenkstein für den Märtyrer. Hunderte Menschen nahmen am 14. September 1996, dem Fest der Kreuzerhöhung Jesu, an der Einweihung des Denkmals teil, um das Andenken des mutigen Märtyrers zu ehren. Auf Polnisch und auf Deutsch ist dort eingemeißelt: "Johannes Guzy, Pfarrer in Freystadt, 1905 bis 1945, von Russen erschossen, weil er Ordensfrauen schützen wollte. Niemand hat eine größere Liebe, als wer sein Leben einsetzt für seine Freunde, kyrie eleison."         

            Hinrich E. Bues

Nach "Zeugen für Christus - Das deutsche Martyrologium des 20. Jahrhunderts", herausgegeben von Helmut Moll im Auftrag der Deutschen Bischofskonferenz, 5., vermehrte und aktualisierte Auflage, Paderborn 2010.


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