© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 11-11 vom 19. März 2011

Das Böse schlechthin
»NS sells«: Eine weiteres Stück »Aufarbeitungsliteratur«

„NS sells“! Geradezu viktorianische Prüderie legen öffentliche Bibliotheken an den Tag, wenn es darum geht, originale Dokumente aus dem Nationalsozialismus zugänglich zu machen. (Versuchen Sie einmal, die Arbeit „Europäische Wirtschaftsgemeinschaft“ von Reichsbankpräsident Walter Funk von 1943 auszuleihen!) Dagegen werden wir verschwenderisch mit einer Aufarbeitungsliteratur beglückt, die unter der Formel „XX unterm Hakenkreuz“ unendlich fortgeschrieben wird und vor allem junge Geisteswissenschaftler mit eher trüben Berufsaussichten als Karriereeinstieg lockt. Als neuester Beitrag der Reihe „Der Schuh im Nationalsozialismus – Eine Produktgeschichte im deutsch-britisch-amerikanischen Vergleich“, eine voluminöse Studie von 876 Seiten, mit der die Wirtschaftshistorikerin Anne Sudrow (* 1970) 2009 an der TU München promoviert wurde.

Im Prinzip kann die Gegenüberstellung nationaler Unterschiede im Umgang mit dem Produkt Schuh und damit verbundener Wissenschaft, Forschung, Produktion und dem Konsum, auch und gerade unter den Extrembedingungen des Krieges, durchaus erhellende Einsichten vermitteln. So fragt Sudrow berechtigt: Welchen Stellenwert hatten angesichts kriegsbedingter Rohstoffklemmen die staatlich geförderten Notschuhprogramme, die im Deutschen Reich auch die gezielte Entwick-lung synthetischer „Ersatzmaterialien“ einschloss? Und weiter: Welchen Handlungsspielraum nutzte eine 1938 gegründete „Prüf- und Forschungsstelle Schuh- und Leistenbau“, die „eine Vervollkommnung der Fußbekleidung … nach gesundheitlichen und zweckbedingten Gesichtspunkten“ (Satzung) anstrebte? Über die „Arbeitsgemeinschaft Schuhe“, ein Konsortium aus Vertretern von Forschung, Handwerk und Industrie, war die „Forschungsstelle“ unter anderem mit einer 1940 eingerichtete „Schuhprüfstrecke“ im KZ Sachsenhausen befasst, wo Häftlinge zum Testlaufen der durch die „Arbeitsgemeinschaft“ erarbeiteten Konzeptschuhe (Synthesematerialien, neue Modelle, Formen) eingesetzt wurden. Ein Kapitel deutscher Industrieforschung, auch wenn man bei dessen Behandlung methodisch der Autorin oft nicht folgen mag. Denn zwei gravierende Schwächen erschweren durchgängig die Lektüre: Die unübersehbare Voreingenommenheit der Autorin und der rahmensprengende Umfang der Studie, geprägt von Redundanzen und einem langatmigen Stil. Schnell wird auch klar, dass es der Autorin weniger um eine sachliche Darstellung von Fakten geht, als um das bekannte politische Ritual der moralischen Ächtung des Nationalsozialismus als das schlechthin Böse. Dabei ist nicht dieser Sprung in die Moraltheologie das Problem, sondern das Verfahren der Autorin, ihr Urteil nicht aus ihren Recherchen zu entwickeln, sondern am Beispiel der Schuhwirtschaft lediglich zu exemplifizieren. Das 1937 von den Nationalsozialisten eingerichtete „Reichskommissariat für Altmaterialverwertung“, das als Pionierprojekt eines staatlichen Engagements für Nachhaltigkeit gelten kann, wird von Sudrow mit einer Bevorzugung „minderwertiger“ Ersatzmaterialien in Verbindung gebracht und einer qualitativ überlegenen Produktionsdrosselung bei den Briten gegenübergestellt.

Dass in der Schuhforschung während der NS-Zeit keineswegs nur der Einfluss einer politischen Kamarilla zum Tragen kam, sondern ernsthaft an ein Bemühen um Fußgesundheit angeknüpft wurde, das im Kaiserreich geboren, über die Weimarer Republik weitergetragen wurde, sucht man in dieser hochideologischen Arbeit vergebens. Wer sich die Mühe macht, Spreu von Weizen zu trennen, kann allein aufgrund des Umfangs Funde machen.        Nike Breyer

Anne Sudrow: „Der Schuh im Nationalsozialismus“, Wallstein, Göttingen 2010, geb., 876 Seiten, 69 Euro


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