© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 11-11 vom 19. März 2011

Gott in die atheistische Wüste gebracht
Mit westlicher Hilfe bauen Schönstätter Marienschwestern im Königsberger Gebiet Sozialstationen, Kinderheime und Kirchen auf

Als vor 20 Jahren die ersten Schönstätter Marienschwestern nach Königsberg kamen, schlug ihnen bittere Not entgegen. Das ganze Ausmaß der kommunistischen Verwüstung in Landschaft und Menschenseelen zeigte sich erst nach und nach.

Ein vom internationalen Hilfswerk „Kirche in Not“ gestellter Campingwagen diente anfangs als erste Anlaufstelle für Gottesdienste und Hilfsangebote. Dass einmal ein katholischer Erzbischof die Gemeinden besuchen könnte, galt damals als unvorstellbar, weil noch keine katholischen Diözesen in Russland existierten. Sie wurden erst zwischen 1991 und 2002 durch Papst Johannes Paul II. errichtet.

Für die katholischen Christen war es daher ein großes Fest, als am 1. Advent 2010 der Moskauer Metropolit, der aus Italien stammende Erzbischof Paolo Pezzi (50), anreiste. Zum ersten Mal kam der Geistliche, um das Sakrament der Heiligen Firmung an sieben Erwachsene und neun Jugendliche zu spenden. Diese 16 Personen waren vorher gründlich durch Kaplan Vitalij Spitsyn und die Schönstätter Marienschwester Gisela auf ihren wichtigen Tag vorbereitet worden, der ihnen die Gabe des Heiligen Geistes vermitteln sollte. 230 Gottesdienstbesucher erlebten einen großen Festgottesdienst, ein „familienhaftes Gemeinschaftserlebnis“, wie die Teilnehmer hinterher berichteten. Denn der feierliche Gottesdienst führte die sonst getrennten Litauer, Russen, Polen und Russlanddeutschen zusammen.

Nach der Firmung begann Erzbischof Pezzi mit der offiziellen „Visitation“ der Pfarrgemeinde in Königsberg, die inzwischen auch 16 Filialen im weiteren Umkreis gebildet hat. Gemeindegruppen konnten ebenso wie einzelne Christen mit dem Metropoliten persönlich sprechen. Pezzi lobte dabei besonders die schwierige Aufbauarbeit während der letzten 20 Jahre und zeigte sich erfreut, wie lebendig das Gebetsleben der Christen ist. Insgesamt haben sich in den letzten Jahren zehn Gebetsgruppen mit einigen hundert Teilnehmern gebildet.

Ohne die Arbeit der Schönstätter Missionsschwestern wäre dieser Aufbau allerdings unmöglich gewesen. Sie schwärmten in den vergangenen Jahren in die benachbarten Dörfer und Städte aus, um dort katholische Christen ausfindig oder Menschen mit dem Christentum bekannt zu machen. Priester aus anderen Ländern kamen ihnen zur Hilfe und mussten oft lange Wege zurücklegen, um nach den Jahrzehnten der kommunistischen Unterdrückung und Verfolgung für die wenigen übrig gebliebenen Katholiken wieder christliche Seelsorge, die Sakramente und Gottesdienste anzubieten.

Oft aber trafen die Schwestern zunächst auf die schiere Not der Menschen. Im gesamten Königsberger Gebiet begegneten sie Personen unterschiedlichsten Alters, die weit unterhalb der Armutsgrenze, unter menschenunwürdigsten Bedingungen lebten. Besonders erschüttert zeigten sich die Marienschwestern vom Schicksal vieler Straßenkinder in Königsberg, die ihre zerrütteten Familien und alkoholabhängigen Eltern oder Elternteile verlassen hatten und nun allein lebten. Sie schlugen sich mit Betteln und Stehlen durch. 

Um einen Ausweg aus diesem Teufelskreis zu finden, begannen die Marienschwestern, Kinderheime für Sozialwaisen zu errichten. Im Samland, das an die Stadt Königsberg angrenzt, wurden im Jahr 1998 mehr als 70 solcher Heimplätze für verwahrloste Kinder benötigt. Der Plan, im Dorf Fuchsberg ein Waisenhaus in einem leerstehenden Kindergarten der ehemaligen Kolchose zu eröffnen, scheiterte allerdings zunächst am fehlenden Geld der öffentlichen Verwaltung. Schließlich ermöglichten zweckgebundene Spenden aus dem Westen den Umbau des alten Kolchose-Kindergartens. Zunächst zogen dort 25 Kinder in ihr neues Zuhause ein. Einige von ihnen weigerten sich in den ersten Wochen, ein warmes Essen zu sich zu nehmen, da sie bisher nur Brot gegessen hatten. Später konnte dieses Heim durch weitere Spenden erweitert werden, sodass 15 weitere Plätze entstanden.

Die Gemeinschaft „Lumen Christi“ aus dem bayerischen Maihingen unterstützt seit 1995 die soziale und pastorale Arbeit der Schönstätter Marienschwestern. Aus der Überzeugung, dass Glaube und sozialer Einsatz zusammen gehören, sehen die beiden Gemeinschaften ihre Hauptaufgabe darin, vor allem zur Verbesserung der Lebensbedingungen der Ärmsten beizutragen. Dies führt nicht zuletzt auch zu einer höheren Akzeptanz der katholischen Kirche im Gebiet von Königsberg, der von Seiten der öffentlichen Verwaltung wie von der russisch-orthodoxen Kirche Skepsis entgegenschlägt. Die von ihrer staatskirchlichen Tradition geprägten orthodoxen Christen sahen anfangs die neue „Konkurrenz“ nicht gern und versuchten, sie abzuwehren.

Im Laufe der Jahre hat sich aber ein besseres Einvernehmen zwischen den Christen verschiedener Konfessionen entwickelt. Dazu trug auch die katholische Sozialstation bei, die sich einen guten Ruf in der Stadt erarbeitet hat. Sie ist dafür bekannt, dass sie Menschen ohne Rücksicht auf die Weltanschauung oder Nationalität hilft. Die Armenküche, die vom Malteser Hilfsdienst aus Osnabrück finanziert wird, versorgt täglich etwa 150 Bedürftige mit einem warmen Eintopf. In der Kleiderkammer werden Arme und Obdachlose neu und kostenlos eingekleidet. Inzwischen schicken auch die Behörden viele Bedürftige in die Station. Jährlich über 20 große Transporte mit gebrauchten Kleidern und Nahrungsmittel aus Deutschland ermöglichen es darüber hinaus, auch staatliche Kinderheime, Sozialämter, Schulen, Krankenhäuser und Behinderteneinrichtungen zu beliefern.

Auch zwei katholische Pfarrgemeinden konnten wieder zu neuem Leben erweckt werden. Die Gemeinde St. Adalbert wird vorwiegend von polnischen Christen besucht. In der Gemeinde „Zur heiligen Familie“ sind vorwiegend Litauer, Russen und Russlanddeutsche zu Hause. Die beiden katholischen Gemeinden benutzen gemeinsam eine Kirche aus Fertigteilen, die zuvor bereits elf Jahre im bayerischen Sonthofen stand. Sie wurde von ehrenamtlichen Helfern 1993 nach Königsberg transportiert und dort wieder aufgebaut.

Das Engagement der christlichen Mitarbeiter ist enorm. Keiner von ihnen hat eine reguläre kirchliche Stelle, die bezahlt würde. Die Missionsschwestern, Mitarbeiter und Priester aus verschiedenen Ländern und Sprachgebieten begnügen sich mit dem Nötigsten. Die drei Schönstätter Marienschwestern werden von ihrer Niederlassung im thüringischen Friedrichroda unterstützt. Eine Mitarbeiterin und Ärztin der Gemeinschaft „Lumen Christi“ gab 1998 für den Dienst in Königsberg ihre Arztpraxis in Deutschland auf, um im Rahmen der Sozialstation die Armen medizinisch zu versorgen.

Unterstützt wird die soziale und pastorale Arbeit auch durch das päpstliche Kindermissionswerk in Aachen. Wenn am 6. Januar Kinder durch Dörfer und Städte ziehen und die Häuser segnen und dabei Geld sammeln, landen die Erlöse auch in Königsberg. Das Kinderheim in Fuchsberg und andere Waisenhäuser im Kreisgebiet hätten sonst nicht entstehen und unterhalten werden können.

Da die Sommerferien in Russland drei Monate lang sind, versuchen die Marienschwestern und ihre Mitarbeiter eine Reihe von Angeboten in dieser Zeit zu machen. Im letzten Jahr konnten zur großen Freude der Kinder zwei Ferienwochen in Lipki angeboten werden. Die Kinder nutzten dabei begeistert den schönen Kinderspielplatz, der ebenfalls mit Hilfe des Kindermissionswerks Aachen entstanden ist. Wenn die Schule im September wieder beginnt, gestaltet sich das „Einsammeln“ der Kinder zum Religionsunterricht oft recht mühsam. Eine Tafel Schokolade, die beim ersten Kindergottesdienst des Schuljahres verteilt wird, gilt als Lockmittel. Bei vielen Kindern löst das oft erstaunte Fragen aus: „Nur für mich?“ Auch das Teilen will dann erlernt werden.

Ganz anderen Herausforderungen sehen sich die kleinen christlichen Gemeinden bei den Kirchengebäuden gegenüber. In Groß Skaisgirren steht eine wunderschöne alte ostpreußische Kirche. Hätten sich die Marienschwestern nicht schon 1992 ihrer angenommen, wäre sie heute wahrscheinlich wegen Baufälligkeit abgerissen oder eine Ruine. Die kleine Gemeinde dort ist sehr stolz auf ihr Gotteshaus, wo neben dem Gottesdienst auch alle anderen Veranstaltungen wie Unterricht, Gesundheitsberatung und kleine Feiern stattfinden. Doch die allfälligen Reparaturen für eine Wasserpumpe wie im letzten Winter überfordern die Gemeinde. Auch die Heizkosten sind von der geringen Kollekte der Dorfbewohner niemals aufzubringen.   Hinrich E. Bues


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