© Preußische Allgemeine Zeitung / Folge 04-13 vom 26. Januar 2013

Großangriff auf alte Damen
»Enkeltrick«-Betrüger gehören einer einzigen großen Roma-Sippe an

Der „Enkeltrick“ war ein herausragendes Thema der 7. Berliner Sicherheitsgespräche des Bundes Deutscher Kriminalbeamter (BDK). Hauptangriffsziel der Betrüger sind ältere Frauen. Die finanziellen Schäden haben längst einen mehrstelligen Millionenbetrag erreicht. Die seelischen Schäden für die Opfer sind unermesslich. Was der deutschen Öffentlichkeit weithin verschwiegen wird: Hinter dieser Form organisierter Kriminalität steckt eine einzige große Roma-Sippe, die europaweit agiert.

Die „Enkeltrick“-Betrugsfälle werden noch zunehmen, prognostizierte der stellvertretende Bundesvorsitzende des BDK, Ulf Küch. Allein in Bayern sind die Fälle von Januar bis November 2012 gegenüber dem Vorjahr um 370 Prozent auf 1618 Straftaten gestiegen. Allein in Bayern wurden Opfer um drei Millionen Euro geprellt. Beim „Enkeltrick“-Betrug suchen die Täter in Telefonbüchern und im Internet gezielt nach älter klingenden Vornamen besonders von Frauen – sie können etwa Anneliese, Gertrud, Elfriede oder Margarete heißen. Die Anrufe bei den ausgesuchten Personen erfolgen immer aus dem Ausland – besonders aus Polen – damit sie für die deutsche Polizei kaum zurückverfolgbar sind. „Ich bin es“, sagt der Anrufer oder die Anruferin oft nur. Wenn ein Opfer dann etwa antwortet: „Bist Du es, Werner?“, weil es einen Verwandten zu erkennen vermeint, ist es oft schon überrumpelt. Die Täter geben sich als Enkel, sonstige Verwandte oder Bekannte aus, täuschen eine akute Notlage vor oder erzählen etwas von einer günstigen Gelegenheit zum Auto- oder Immobilienkauf. Sie bitten meist um Bargeld, Schmuck oder andere Wertgegenstände. Wenn eine hilfsbereite ältere Person darauf hereingefallen ist, schicken die Anrufer „Geldabholer“ aus dem Inland los. Die betagten Opfer werden nicht selten auch mehrmals angerufen, um den Druck auf sie zu erhöhen.

Der wohl beste Kenner der Methoden dieser niederträchtigen Betrüger, der Kölner Kriminalhauptkommissar Joachim Ludwig, erläuterte auf der BDK-Tagung, warum die Täter so oft Erfolg haben. Erstens rufen sie sehr viele Menschen an, es können hunderte Anrufe am Tag sein – bei zweien haben sie dann vielleicht Glück. Zweitens suchen sie sich bewusst alte Menschen aus – diese können vielleicht schon etwas dement sein; viele sind über 80 Jahre alt. Ludwig verwies auch auf wissenschaftliche Erkenntnisse, wonach eine bestimmte Gehirnregion (die anteriore Insula), die für die Bewertung von Risiken und das Entstehen eines „mulmigen Bauchgefühls“ eine Rolle spielt, bei älteren Menschen weniger aktiv ist. Dadurch können sie vertrauensseliger werden. Niemand solle glauben, betonte Ludwig, dass er nicht auch im Alter zum Opfer werden könne. Für die Opfer sei es oft besonders schlimm, wenn sie nach einem gelungenen Betrug als „dumm“ angesehen würden. „Nach Anruf Selbstmord“ war ein Beitrag in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ überschrieben. Darin wurde über den Fall einer 90-Jährigen berichtet, die einem Täter 20000 Euro ausgehändigt hatte – ihr gesamtes Vermögen. Als sie des Betruges gewahr wurde, erhängte sie sich aus Scham und Verzweiflung.

Auch Ludwig erwartet noch eine Zunahme der „Enkeltrick“-Betrugsfälle. Dies schon wegen der demografischen Entwicklung – es wird immer mehr Ältere geben. Für den Erfolg dieser dreisten Betrüger ist aber auch wesentlich, dass sie alle einem bestimmten großen Roma-Clan angehören. Ludwig sprach von etwa 1000 Personen. Alle „Enkeltrick“-Betrugsfälle in Europa gehen von diesem mafiös strukturierten Netzwerk verwandtschaftlich miteinander verbundener Roma-Familien aus. Ludwig zeigte ein Foto von Mitgliedern des Clans bei einem Festbankett in Posen, auf dem sich die Tische zu biegen schienen. „Ich kenne sie alle“, erklärte Ludwig. Nur beweisen kann er ihnen meistens nichts. Ohne Vorratsdatenspeicherung oder wenigstens einheitliche Datenspeicherung von Netzbetreibern habe die Polizei so gut wie keine Chancen, den Tätern auf die Spur zu kommen.

Ludwig attestierte ihnen eine „gewisse Schwarmintelligenz“. Sie würden die eingeschränkten Ermittlungsmöglichkeiten der Polizei genau kennen. Handys würden oft gewechselt, es gebe abgeschottete Kommunikationskreise. In einer Woche könne es 20 Tatorte geben – doch die Polizei vor Ort könne den Zusammenhang nicht erkennen und schon gar nicht beweisen. Die Täter würden auch genau das Verhalten der Justiz kennen. Wenn jemand eine Bewährungsstrafe bekomme, werde er danach in einem anderen Land aktiv, etwa in Österreich oder der Schweiz. Michael Leh


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